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Triathlon Podcast


#7 Lina Kristin Schink, Profitriathletin – Profistatus: Last oder Lust?

Lina Kristin Schink: Nicht zu vergleichen mit anderen Profis. Foto:ZVG

«ES ERFORDERT SEHR VIEL MUT, AN DIE STARTLINIE ZU GEHEN»

Früher war die gebürtige Berlinerin Lina Kristin Schink (38) Rad-Profi in einem französischen Team. Im Radsport müsse man Profi sein, sagt sie, um sich auf höchstem Niveau, den UCI-Rennen, messen zu können. Einige heftige Stürze und weil sie das Laufen und ein wenig auch ihre Freiheit vermisste, brachten sie zurück zu ihrer alten Liebe, dem Triathlon.

Heute ist Lina Schink, die für das Schweizer Team Tempo-Sport startet, Profi-Triathletin, 20 Ironman hat sie bislang gefinisht. Ihre hohen Ansprüche an sich und ihre Leistungen sind geblieben. Die Profi-Lizenz garantiert der Langdistanz-Vize-Europameisterin von 2019 vor allem eines: Sie kann sich mit den Besten messen und «das Beste aus mir herausholen. Das gleiche könnte ich auch im Amateur- oder Altersklassenbereich. Es ist dennoch etwas anderes, es ist ein ganz anderes Rennen», sagt sie.

MARKETING MUSS SINN MACHEN

Lina Schink lebt für den Sport, liebt den Wettkampf – und passt nicht unbedingt in das Bild, das man von einem Profi haben mag. Sie konzentriert sich auf sich selbst, nicht auf Äusserlichkeiten. Sie vermarktet sich nicht, ihre Profile auf den sozialen Medien sind unaufgeregt. «Ich bin unabhängig, das ist mir ganz wichtig. So sind die Athleten verschieden», sagt sie. Sich selbst zu vermarkten, koste sehr viel Energie und Zeit. «Marketing muss Sinn machen. Wenn ich jemand hätte, der das für mich macht, dann wäre ich auf der Suche nach Sponsoren bin. Das bin ich nicht.» Sie sei beim Team Tempo-Sport gut versorgt «mit allem und wenn ich sonst etwas haben möchte, dann kaufe ich mir das.»

«JEDER HAT ANDERE ZIELE UND WERTE»

Auch wenn sie die professionelle Medien-Darstellung vieler Triathletinnen auf den sozialen Kanälen verfolge und die Sportlerinnen teils sehr bewundere, hat sie erkannt, dass sie diesen Aufwand nicht betreiben will: «Ich bin keine Person, die sich in den Vordergrund stellt. Ich weiss, was ich kann, aber ich muss das nicht immer zeigen. Mich kennt man nicht gross, das war auch nie mein Ziel. Klar gibt es Athleten, die eine grosse Show machen, weniger Leistung bringen und trotzdem mehr Sponsoren haben als ich. Jeder hat andere Ziele und Werte. Unsere Gesellschaft heute ist so aufgebaut, dass du zeigst, was du hast, was du kannst und was du bist. Ich bin da halt anders.»

Unter den Profi-Athletinnen, sagt Lina Schink, kenne man sich natürlich, doch «ich bin eher schüchtern, ich rede da nicht mit so vielen.» Und an Wettkämpfen sei sie «schon sehr für sich.» Sie gehe konsequent ihren eigenen Weg, denn jeder habe andere Stärken und Schwächen. «Da hilft es nichts, wenn ich mir beispielsweise das Schwimmen, meine schwächste Disziplin, von (der Überschwimmerin) Lucy Charles-Barclay abschauen würde.»

«Ich bin keine Person, die sich in den Vordergrund stellt.»

Lina Kristin Schink

«EIN PAAR VON MEINEM KALIBER»

Mag sein, dass das viele Triathletinnen, die zögern, Profi zu werden, sich von grossen Namen einschüchtern lassen. Sie selbst, so Lina Schink, blende aus, wer da jeweils am Start sei, «manchmal realisiere ich das gar nicht, ich mache mein Rennen. Wenn da nur Athletinnen wie Daniela Ryf oder Lucy Charles-Barclay stehen würden, dann würde das Feld so richtig schrumpfen. Es braucht auch Athleten wie mich, die eher im Mittelfeld sind und nicht ganz vorne mitkämpfen.»

«Meine Situation ist anders als die von vielen anderen Profis, die Vollzeit-Triathleten sind. Das ist immer auch eine Wahl. Ich hätte auch die Wahl. Aber ich möchte das gar nicht. Es gibt ein paar von meinem Kaliber», so Lina Schink, «es erfordert sehr viel Mut, an die Startlinie zu gehen und zu wissen, da ist beispielsweise eine Weltmeisterin, die werde ich nicht schlagen.»

TÄGLICHER SPAGAT

Lina-Kristin Schink ist zwar Profi-Triathletin, davon leben kann sie nicht, «das war auch nie meine Absicht.» Die Sportwissenschaftlerin ist im Neben- oder Hauptberuf, ganz wie man es anschauen möchte, Personal Trainerin. Der Job macht ihr Spass und sichert sie ab, wenn es im Triathlon mal nicht laufen sollte und gibt ihr zusätzlich eine andere Perspektive. Doch der Job bedeutet einen Spagat, den sie tagtäglich machen muss. Auch im Trainingslager, weit weg von daheim, denn sie coacht auch online.

Als Personal Trainerin muss sie ihre Kräfte einteilen, das betrifft die Kundenzahl als auch ihr physisches Engagement. «Wenn ich beim Training mit den Kunden immer mitmachen würde, schaffe ich mein eigenes Training nicht mehr.» Besonders stolz macht sie, dass sie einige ihrer Klienten durch ihre eigene Begeisterung und Leidenschaft zum Triathlon gebracht habe. Jetzt betreue sie diese auf zweifache Art, im Gym im Athletikbereich, und indem sie ihnen Triathlon-Trainingspläne schreibe.

CORE STATT RAD

Besonderen Wert legt sie als Coach und Athletin auf die Rumpfstabilität – zentral für jede Bewegung und in jeder Sportart. Hier ist sie Expertin und hat die besten Übungen auf Lager. «Bei der Rumpfstabilität besteht bei den meisten ein grosses Verbesserungspotential. Es ist immer wieder erschreckend, wie viele Athleten zu wenig im Kraftbereich machen. Lieber sollte man mal auf eine Stunde Radfahren verzichten und dann ins Stabi-Training investieren. Die Übungen sollte man richtig absolvieren und sich auch ruhig mal einen Profi zur Seite holen.»

Core- und Krafttraining sei eine super Verletzungs-Prophylaxe: «Die Übungen können auch Spass machen und müssen nicht langweilig sein. Ich lege das meinen Athleten ans Herz, hier mehr zu machen. Es zahlt sich aus.» Aufgrund ungenügender Rumpfstabilität und ungünstiger Schulterhaltung büsse man beispielsweise beim Marathon schnell an Bewegungsqualität ein. Was auch viele unterschätzen, sagt sie, seien die Fussgelenke. «Wenn die Oberschenkel im Marathon müde werden, wer macht dann die Arbeit?» Beim Ironman läuft sie jeweils einen sehr «soliden» Marathon, das habe viel mit ihrem intensiven Core- und Athletiktraining zu tun.

UNBESCHREIBLICHES GEFÜHL NACH EINEM IRONMAN

Termine mit Kunden und ihr eigenes Training führen zu einem dicht bepackten Tagesablauf. Ihr Antrieb, dies alles auf sich zu nehmen, ist «das Gefühl im Ziel nach einem Ironman. Das kannst Du mit Nichts vergleichen. Das ist unbeschreiblich.» Sie spüre dann jeweils eine grosse Genugtuung, dass «das alles wert war, die Zeit und Energie», die sie aufgewendet habe. «Für dieses Gefühl stehe ich jeden morgen früh auf und ziehe meinen Tag so durch mit allen Terminen.»

Sie werde oft gefragt, was ist mit den Weltmeisterschaften auf Hawaii sei, ob das nie ihr Traum oder der Beweggrund gewesen sei, warum sie mit der Langdistanz angefangen habe. «Mir ist bewusst, dass ich Hawaii nie gewinnen werde», sagt Lina Schink. Den Mythos der Ironman-Weltmeisterschaften findet sie etwas überbewertet, auch wenn sie sich natürlich qualifizieren möchte. Das Qualifikationssystem, welches heute oft nur Siege oder zweite Plätze fordert, spiele ihr nicht in die Karten. «Es wäre für mich kein Misserfolg, wenn ich die Qualifikation nicht schaffe, sie ist nicht mein Hauptziel. Ich weiss, das ist speziell, aber ich bin halt so.»

NORDSEE VOR PAZIFIK

Ihr grösstes Ziel liegt also nicht im nordpazifischen Ozean, sondern an der Nordsee. Die Challenge Almere, ihr Lieblingsrennen und ihr erstes Profirennen, möchte sie gewinnen – egal welchen Status das Rennen habe, ob Europa- oder Weltmeisterschaft oder ein ganz normales Challenge-Rennen. «Ich mag den Kurs», sagt sie, «flach und windig. Ich habe mich von Jahr zu Jahr um einen Platz verbessert, jetzt fehlt noch der erste Platz.»

Ausgerechnet ihre heutige Trainerin Yvonne Van Vlerken hat 2019 den angestrebten Sieg verhindert, Lina Schink wurde in 9:11.27 Stunden EM-Zweite. Das sei so nicht geplant gewesen, sondern der Sieg. «Ich habe sehr viel für dieses Rennen gemacht – und drei Wochen vor dem Wettkampf steht auf einmal Yvonne auf der Startliste. Ich war natürlich ein bisschen enttäuscht». Heute lacht sie darüber. «Yvonne ist eine grossartige Athletin gewesen, eine Legende in unserem Sport.»

Nur wenig später begann die intensive Zusammenarbeit mit der Holländerin als ihr Coach. Manchmal braucht es einen offensichtlich Schritt zurück, um vorwärtszukommen…

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