
«MEIN KÖRPER SAGTE MIR, ER MACHE DA NICHT MEHR MIT»
Dieser schöne Sport Triathlon lädt dazu ein, ins Extrem zu gehen. Der gebürtige Zürcher Gilbert Fisch (65) hat alle Extreme erfahren, ja erlitten – ehe sein Körper einen Vollstopp einlegte. Der Übergang in ein anderes Leben ist ihm gelungen.
Es klingt nach einem Traum: Als erfolgreicher Geschäftsmann konnte Gilbert Fisch bereits mit 44 Jahren seine Marketing-Agentur für viel Geld verkaufen, ging im allerbesten Alter in die Pension. Es war Zeit, seinen Jugendtraum zu leben: Profi-Triathlet. Er genoss die Annehmlichkeiten in vollen Zügen. So den wunderbaren, ewigen Sommer, ein halbes Jahr wohnte er im Triathlon-Mekka Noosa in Australien, die andere Hälfte in der Schweiz.
AUF TITELJAGD: «MISSION POSSIBLE»
Der frühere Leistungsschwimmer erlebte das Älterwerden als Besserwerden. Er wurde Jahr zu Jahr fitter, schneller, stärker. Bei seinem ersten Ironman in Zürich 2009 landete er in 10:02 Stunden gleich auf dem 10. Platz. «Der letzte-Hawaii-Slot ging an den 9. – das hat mich so gewurmt, dass ich noch im gleichen Jahr die Hawaii-Qualifikation in Monaco geholt habe», erinnert er sich.
Sein späteres Ziel: Der Weltmeistertitel in der AK 60 auf Big Island. Auf seinem Blog «Mission possible» konnte jeder nachlesen, wie das gehen sollte. «Viele Leute haben mit dem Kopf geschüttelt, jetzt spinnt er total», sagt er.
VON DER MOTIVATION ZUR ÜBERMOTIVATION
Die schöne Geschichte erfuhr ein abruptes Ende. Aus der Motivation wurde Übermotivation, die Grenze zum Übertraining war schnell überschritten. Sein Körper legte ihn lahm. Gilbert Fisch nennt es Burnout. Worst Case für einen Triathleten. «Dein Körper», beschreibt Gilbert Fisch die Ausnahmesituation, «kommt nicht zu Ruhe. Ich war überspannt. Und dann ist da der Morgen, an dem du nicht mehr zum Bett rauskommst. An dem Tag habe ich bis um 11 Uhr gebraucht, bis ich aufstehen konnte. Ich musste noch den Kehrichtsack raustragen. Bis ich die Energie aufgebracht hatte, war es am Abend um 5 Uhr. Dann habe ich mich eine Stunde hingesetzt und zum Fenster hinausgeschaut und mich davon erholen müssen.»
Zum Glück habe er genau gewusst, was los ist, weil er sich – warum auch immer – schon vorher über die Themen Stress und Burnout gelesen habe, «aber ich habe bis zum besagten Tag nie gedacht, dass es mir einmal passieren würde.» Wenn Gilbert Fisch zurückschaut, erkennt er, dass das Ende seiner Karriere «über Jahre hinweg ein schleichender Prozess war.» Er wollte aus seiner privilegierten Lebenssituation das Beste machen. Zeit hatte er als AK-Triathlet auch keine zu verschwenden, er habe es so richtig vorwärtsgetrieben, sagt er, «da habe ich das Gefühl verloren, bin meiner Trainingsphilosophie und die meiner Coaches untreu geworden.» Sein erster Coach war damals Sergio Borges aus San Diego, der das Training nach Gefühl ohne Gadgets wie Pulsmesser bevorzugte. Eigentlich hätte ihn das schützen können …
BEGINN DES SELBSTBETRUGS
Als er nach Australien wechselte er den Coach und er selbst wollte plötzlich seine Wattzahlen wissen. Da nahm das Verhängnis seinen Lauf. Wenn im Trainingsplan 230 Watt stand, entwickelte Gilbert Fisch Freude daran, immer etwas darüber hinauszuschiessen. Statt 230 waren es dann 240 oder 250 Watt und das über 3 x 20 Minuten, «da fängt man an, sich selbst zu betrügen. Ich habe stets sieben oder acht Prozent mehr Leistung produziert als vorgegeben. Wenn man das einmal macht, ist das gut, wenn man das dauernd macht, braucht man mehr Erholung. Erholung ist sowieso ein Thema, zu dem viele Athleten ein gestörtes Verhältnis haben.»
Er überzog nicht nur beim Velofahren, sondern auch beim Laufen: «Beispielsweise 6 x 800 m, die ich im 4:40-Schnitt hätte laufen sollen, bin ich zwischen 4:10 und 4:15 gerannt. An diesen Schlüsseleinheiten habe ich mich aufgebaut.»
160 KM MIT CRAIG ALEXANDER…
Und dieser fatale Übermut zieht sich durch das Triathlon-Leben von Gilbert Fisch. Als Rookie auf Hawaii an der WM 2009 wollte er alles richtig machen, reiste 2,5 Wochen vor dem Rennen an, um sich zu akklimatisieren. Um dann drei Tage nach seiner Ankunft einen Kardinalfehler zu begehen: Er sei – ausgerechnet – mit den beiden Australiern Luke McKenzie, 2013 Zweiter auf Hawaii, und Craig Alexander, 2008, 2009 und 2011 Ironman World Champion und 2006 und 2011 70.3-Weltmeister, 160 km Rad gefahren. «Und davon habe ich mich zum Renntag nicht mehr erholt, ich habe das Rennen nach vier Laufkilometern aufgegeben.»
Am nächsten Morgen habe er realisiert, was ein DNF auf Hawaii bedeutet. «Du bist umgeben von 2500 Leuten, die sich über nichts anderes unterhalten, wie sie gelitten, wie sie es ins Ziel geschafft haben – und du sitzt daneben und fühlst dich wie ein Versager. Du kannst nicht mitreden.» Für ihn habe es nur eines gegeben, sich schnell wieder zu qualifizieren und die «Scharte auswetzen». 2012 wurde er Elfter, kam am 13. Oktober um 18:00.26 Uhr in Kona ins Ziel, eine Zahlenreihe, die er sich auf die Wade hat tätowieren lassen. «Am nächsten Tag habe ich dann auch mitreden können», so seine Genugtuung.
ENDLICH DIE 9 DAVOR
Das war auch der Zeitpunkt, an dem er sich das Ziel setzte, mit 60 Weltmeister zu werden, «an einem guten Tag wäre das erreichbar gewesen», war er überzeugt. Dann fängt es an zu harzen. Wieder im warmen Triathlon-Paradies von Noosa zurück, absolviert er ein Rennen, das in die Hose ging. Darum startet er ausserplanmässig am Ironman Westaustralien mit einer Mission, die er sich auf seine Laufschuhe geschrieben hat: «9 XX». Gilbert Fisch wollte jetzt unbedingt die 10-Stunden-Schallmauer unterbieten – und erwischte zusammen mit seinem Weggefährten Pirmin Christen (vgl. Folge #2) einen Bilderbuchtag: Alles stimmte, also Haken hinter die 9 Stunden und der Hawaii-Qualifikation: «Ich habe mich bestätigt gefühlt.»
Doch die nächste Falle lauerte schon: Sein Coach veranstaltete kurz darauf einen Charity-Ride für ein Wasserprojekt. Er habe, schon bevor er nach Australien ging und von der Wettkampfplanänderung nichts wissen konnte, ein Zusage gegeben. Die Strecke des Wohltätigkeitsprojektes tat ihm gar nicht gut. Es ging von Sydney nach Noosa über 1300 km mit 15 000 Höhenmetern, gespickt mit vielen giftigen Steigungen auf rauen Belägen und im australischen Sommer mit Temperaturen bis 47 Grad! Gilbert Fisch erkannte schon bei der ersten Kurbelumdrehung, dass der Ironman noch in den Beinen steckte. Die Gruppe, in der er sich befand, war erlesen und tat ihr übriges: Wieder Luke McKenzie, dazu Caroline Steffen, Zweite auf Hawaii 2010 und 2012, sowie australische Profi- und Eliteradsportler.
SECHS TAGE IM DELIRIUM
Der tapfere Schweizer kam in Noosa an, aber «ich war sechs Tage im Delirium. Ich kann mich an nichts erinnern. Danach gingen die Trainingsleistungen rapide abwärts.» Mit dem Hawaii-Ticket in der Tasche und hätte sich nun in aller Ruhe erholen und vorbereiten können. Doch nach seiner Rückkehr in die Schweiz im April, meldete er sich stattdessen zum Ironman in Zürich an, «um noch eine paar Sachen auszuprobieren.»
«Ich hatte mich völlig mit dem Triathlon identifiziert.»
Gilbert fisch
Und dann kam der Morgen im Juni, an dem jeder Schritt unendlich schwerfiel. Das Gefühl der Unzerstörbarkeit, alles im Griff zu haben, war schlagartig weg: «Mein Körper sagte mir, er mache da nicht mehr mit.» Drei Tage später habe er realisiert, dass nichts mehr geht. Er wusste nicht, wie lange der Zustand anhalten und was aus seinen Plänen wird. «Ich hatte mich völlig mit dem Triathlon identifiziert.»
BADEN STATT SCHWIMMEN
Das Training habe er sofort drastisch reduziert, Baden statt Schwimmen und Spazieren statt Rennen. «Ich habe versucht über die Ernährung Gegensteuer zu geben. Und ich bin bestens informiert gewesen, was man machen muss, um daraus zu kommen.» Aber es hat nicht verhindert, dass «ich die Hawaii-Qualifikation 2014 in der Pfeife rauchen konnte.»
«Genau in der Zeit hat mich Kurt Müller (vgl. Folge #4) angerufen. Er machte mir das Angebot, mir zu helfen, da wieder herauszukommen. Kurt hat mich dann sehr sachte wieder herangeführt und wir haben den Plan gefasst, dass ich 2015 zum Comeback den IM Südafrika in Port Elizabeth machen werde. Und das super funktioniert, ich war gut in Form und hatte ein gutes Gefühl.»
WIEDER EIN TRAUMA
In der Taperingphase vor dem Rennen in Südafrika, auf dem Heimweg von einem Aufenthalt in Marrakesch, suchte ihn eine Lebensmittelvergiftung heim. Auslöser war ein abgepackter Salat am Flughafen. «Das war nicht einfach Durchfall, der Körper lässt alles raus was drin ist.» An den Start in Südafrika ging er völlig ausgelaugt, kämpfte sich nur mit dem Willen ins Ziel, wo er sofort mit kompletter medizinischer Versorgung empfangen wurde.
«Ich habe mich zwar recht schnell wieder erholt, aber ich habe zum zweiten Mal innerhalb von wenigen Monaten ein traumatisches Erlebnis durchgemacht. In Australien hatte mein Körper gesagt, er mache noch einmal mit, nach Port Elizabeth sagte er: Ende.» Danach war Gilbert Fisch fortwährend mit Infekten, Entzündungen oder Verletzungen eingeschränkt gewesen, und seine Hamstrings wurden fest wie Stahl.
ENTSCHEIDUNG AM HEARTBREAK-HILL
Auch nach dem Rennen in Südafrika war die Message seines Körpers noch nicht angekommen. Drei Tage später meldete Gilbert Fisch sich zum Ironman Switzerland an, «denn so schlecht wie ich in Südafrika abgeschnitten habe, bin ich ja wirklich nicht.»
Hier, vor der eigenen Haustür, folgte der Schlusspunkt seiner Leidensgeschichte. Schon vor dem Rennen konnte er mit völlig blockierter Muskulatur der Oberschenkelrückseite keine Treppen mehr laufen. Jeden Tag war er in Therapie, aber «ich bin natürlich an Start gegangen. Nach 90 km auf dem Rad war Ende Feuer, am Heartbreak-Hill habe ich starke Schmerzen gehabt, bin oben abgestiegen und über der Balustrade gehangen. Ich habe mir gesagt, jetzt ist fertig. Jetzt gibt nur noch eins, ich muss gesund werden. Es kann nicht sein, dass ich einem Phantom, einer Idee nachrenne.»
KAFFEE TRINKEN MIT JAN FRODENO
Jetzt begann das Leben danach. Im ersten Jahr mit stark reduzierten Trainingsumfängen. Den Leistungsverlust nahm er zur Kenntnis, aber er hatte keine andere Wahl mehr. Doch: Die grosse Leere kam, Wehmut auch. «Ich hatte mir mit dem Triathlon-Leben einen Traum erfüllt, ich habe den Lifestyle so super toll gefunden. Da sitzt du nach dem Training am Nachmittag in Noosa in einer Kaffeerösterei und drei Minuten später kommen Jan Frodeno und Emma Snowsill dazu, und du redest mit ihnen zwei Stunden über die Gott und die Welt. Und die haben dich auch ernst genommen, da denkst du, du bist am Olymp angekommen.»
Beim Abstieg vom Olymp merkte Gilbert Fisch dann, dass er sich kognitiv lange nicht mehr gefordert hatte. Zu lange hatten die eigene Befindlichkeit, die Leistungsfähigkeit und Wattzahlen sein Denken bestimmt. Eine übersichtliche Welt, aber nicht unbedingt herausfordernd. «Ich konnte mir PIN-Codes nicht mehr merken und Kopfrechnen liess nach. Da wusste ich, ich muss mir eine neue Aufgabe stellen, bei der ich dazulerne.»
MACHEN STATT ZERDENKEN
Er habe etwas machen wollen, bei dem es nicht immer um sich selbst gehe. Da er viel Fernsehen schaute und täglich die Katastrophenmeldungen dieser Welt zur Kenntnis nahm, wollte er einen Kontrapunkt setzen und «einen Beitrag leisten, mit dem die Welt, wenn auch nur für ein paar Menschen, ein kleines bisschen besser wird.» Er habe immer wieder Ideen gehabt und wieder verworfen. Was bewege ich damit eigentlich, habe er sich gefragt. Das Zerdenken führte zur Resignation.
Für den Entscheid, die Charity-Stiftung Summits4Hope zu gründen, brauchte er zwei Jahre. Er habe einfach angefangen – mit einer Person und dann der nächsten. Wenn er heute von Menschen gefragt werde, die Ähnliches machen wollen wie er, aber nicht wüssten wie, dann sage er stets: «Du hast bestimmt einen Nachbarn, der Hilfe braucht. Oder ich habe Vätern gesagt, verbringst du mit deinen Kindern genug Zeit? Fang dort an, die hätten es verdient.»
16 000 FRANKEN IM ERSTEN PROJEKT
Im Jahr 2016 organisierte er seinen ersten Event, eine Art «Everesting», bei dem man so lange fährt bis 8848 Höhenmeter zusammengekommen sind. Bei der Version von Summis4Hope gings bis aufs Matterhorn (4478 m). Mit der Unterstützung der Partner-Organisation we care 4, eine Stiftung, die der ehemalige Triathlet Sven Hungerbühler und seine Frau Natalie ins Leben gerufen haben, kamen für ein Bildungsprojekt 16 000 Franken zusammen.
Gilbert Fisch organsiert alle Projekte im sportlichen Rahmen, hat er sich zuerst an die Triathleten als mögliche Unterstützer gewendet, sind es heute Hobby- und Breitensportler. So wie er selbst einer geworden ist. Obwohl auch hier die Grenze fliessend scheint. Er fährt wieder bis zu 13 000 Kilometer Rad im Jahr, nimmt Ultraevents wie die Tortour und das Alpenbrevet teil. Oft werde er gefragt, ob er wieder trainiere. Die Antwort ist klar: «Nein.»
60 STUFEN ALS TEST
Er hört auf seinen Körper und nicht mehr auf einen Coach und dessen Plan. «Jeden Morgen gehe ich in den Seehallen in Horgen Kaffee trinken. Wenn ich wieder nachhause gehe und 60 Treppenstufen hinter mir habe, dann weiss ich genau, ob es einen Sporttag gibt oder nicht. Meine Beine sagen mir das unmissverständlich. Mein Körper hat seine eigenen Ideen, was er zulässt und was nicht.» Sein Fokus sind nicht mehr die Wattzahlen oder Hawaii-Slots, sondern das Draussen sein, der Duft der Pflanzenwelt, schöne Aussichten: «Die Natur hat etwas unheimlich Schönes. Das gibt mit Befriedigung.»
Doch zum Schluss gibt es noch eine Liebeserklärung an den Triathlon. Von dem er nicht ganz lassen kann. Der Schwyzer Triathlon reizt ihn, aber in diesem Jahr kollidiert er mit der Tortour. «Ich finde Triathlon noch immer eine wahnsinnig schöne Sportart – mit vielen Fallstricken. Wo viele Menschen viel herausziehen können und viele, die sich drin verlieren. Ich sehe in meinem Umfeld leider ganz viele, die sind auf dem besten Weg dazu, sich zu verlieren.»
Darum seine wichtigste Erkenntnis aus seiner persönlichen Tortour, die am Ende doch eine Bereicherung war: «Geniesst den Sport! Es ist ein Sport, der dich nicht zu einem besseren Mensch macht, aber wenn er sich zu einem glücklicheren Menschen macht, das ist schön.»
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