
«DAS GEFÜHL
IST EIN ERFOLGS-FAKTOR»
Ein Training ohne Uhr am Handgelenk? Für die meisten Triathleten undenkbar! Doch was bringen Daten wie Puls-, Watt-, Schwellenwerte, Schritt- und Trittfrequenzen oder Herzfrequenzvariabilität? Und wo bleibt das Gefühl? Wie steuern wir das Training am besten? Datenbasiert nach den neuesten Erkenntnissen der Sportwissenschaft oder hören wir nur auf unseren Körper? Oder gibt es eine perfekt Kombination?
Das Thema Trainingsteuerung beschäftigt Kurt Müller (64) den ganzen Tag über. Eine kurze Kaffeepause – und schon sind wieder fünf Mails von seinen Athleten im Posteingang. Er schätzt diese Vernetzung, braucht das Feedback seiner Sportler, um das Training individuell und damit erfolgreich gestalten zu können.
Als Athlet der 80er und 90er Jahre und heute als Coach, hat er eine spannende Entwicklung erlebt: Vom Pulsmessen per Finger am Hals bis hin zu den aktuell ausgeklügelten Software-Tools und Online-Plattformen, die ihm alle erdenklichen Daten seiner Sportler sofort nach Abschluss des Trainings liefern. «Ursprünglich war ich Läufer. Um besser zu werden, habe ich einfach mehr trainiert. Ich bin einer der Ersten gewesen, der in den 80er Jahren eine Pulsuhr gekauft hat. Das hat in meinem Umfeld Riesen-Diskussionen gegeben, das sei doch nicht nötig …», blickt Kurt Müller zurück. «Damals trainierten wir nur nach Gefühl.»
13 x HAWAII – 100 IRONMAN
13 x startete Kurt Müller auf Hawaii an den Ironman-Weltmeisterschaften (erstmals 1987), er war in der Schweizer Langdistanz Nationalmannschaft und hat über 100 Ironman bestritten. Heute führt er mit seinem Sohn Urs in einer aufwendig und eigenhändig umgebauten alten Scheune das Sportgeschäft Sportster24 in Uitikon ZH. Das von ihm gegründete Team Koach gehört mit über 100 Athleten zu den grössten und erfolgreichsten in der Schweiz. Wenn auch nicht alle, so trainiert Kurt Müller viele aus seinem Team im Alter von 15 – 86 Jahren. Seine Erfahrung weiterzugeben, ist seine Leidenschaft, er spricht von «Herzblut». Für seine Athleten ist ihm kein Weg zu weit, keine Mühe zu gross, er hat immer ein offenes Ohr.
In seinen Computer läuft täglich eine gewaltige Menge von Daten zusammen, die er jeden Abend auswertet und wenn nötig sofort Feedback gibt. «Ich plane für jeden individuell. Ich habe zu jedem Athletenprofil ein Bild. Das ist für mich wichtig. Wenn ich die Athleten der Reihe nach durchgehe, bin ich ganz bei der jeweiligen Person. Für mich ist entscheidend, dass die Daten am Abend da sind, denn der Athlet steht in ein oder zwei Wochen in seiner Entwicklung bereits an einem anderen Ort.» Einer seiner Athleten habe ihm neulich gesagt, du weisst ja alles von mir. Kurt Müller lächelt. «Ich weiss, wo sie überall durchfahren. Ich mach dann immer Witze und sage, die Kaffeepause ist etwas lang gewesen. Ich sehe aus den Daten sogar, wenn jemand vor dem Aufstieg Pause gemacht und wahrscheinlich einen Nussgipfel gegessen hat. Dann ist es ihm danach mit Zucker gut gelaufen.»
«Ich sehe aus den Daten sogar, wenn jemand vor dem Aufstieg Pause gemacht und wahrscheinlich einen Nussgipfel gegessen hat. »
kurt Müller
SICH VON DEN DATEN LÖSEN
«Wir leben in einer Datenwelt. Man kann im Grunde alles messen», sagt Kurt Müller. Die erfolgreichen Norweger mit Kristian Blummenfelt, Olympiasieger und Ironman-Weltrekordhalter (7:21.12 Stunden beim Ironman Cozumel 2021), oder dem zweifachen 70.3-Weltmeister Gustav Iden, leben das vor. Daten, so Kurt Müller, seien die Grundlage fürs Coaching, doch er relativiert: «Daten stehen schwarz auf weiss da, sie können an einem anderen Tag aber auch anders schwarz auf weiss stehen.» Damit meint er zum einen eine (schwankende) Tagesform, und zum anderen die Notwendigkeit, Daten immer in einen grösseren, komplexeren Zusammenhang zu stellen.
Der Athlet «soll trainieren und sein Gefühl entwickeln. Für mich als Coach ist wesentlich, dass ich das Gefühl abholen und analysieren kann», sagt er. Natürlich gebe es datenfixierte Athleten, «aber die Daten dienen dem Athleten nicht wirklich dazu, sich weiterzuentwickeln, er muss sich von den Daten lösen können, sonst schränkt er sich ein.»
JEDES RENNEN IST VORAUSSAGBAR
Ronnie Schildknecht, der neunmal den Ironman Zürich gewann, und den Kurt Müller die letzten zwei Jahre seiner Karriere coachte, sei das Gegenteil. «Er hat immer auf sein Gefühl gehört und die Trainingswissenschaft eher bei Seite gelassen.» Der Weg könne sehr erfolgreich sein. Mehr noch: Gefühl ist ein unentbehrlicher Faktor für den Erfolg.
Ihm als Coach eröffnen Daten das Potential eines Athleten, «ich sehe oft, dass da noch mehr drin liegt.» Ein guter Trainer muss Daten analysieren, gewichten und in den Zusammenhang stellen können. Und den Weg aufzeigen, der zum Erfolg führt – das ist die Kunst. Kurt Müller kann heute für jeden Athleten, dessen Daten er kennt, eine sichere Prognose für ein Ironman-Rennen abgeben. So habe er sich bei der Langdistanz-Premiere von Gustav Iden 2021 nur um knapp drei Minuten verschätzt.
GEFÜHL KANN MAN LERNEN
Die Vorgaben, die er seinen Athleten für ein Rennen macht, beispielsweise 230 Watt über die 180-km-Radstrecke, sind zunächst einmal reine Zahlen. Wenn der Athlet diese Vorgabe nicht mit seiner aktuellen Befindlichkeit abgleicht, hat er keine Chance. Es sei sinnvoll, so Kurt Müller, erst einmal bei 200 Watt anzufangen und von unten nach oben zu schalten – nicht umgekehrt. Es sei die Aufgabe des Athleten, zu entscheiden, wie er die Vorgabe umsetzt. Und dieses Gefühl für die eigene Leistungsfähigkeit, sei entscheidend im Rennen. «Dieses Gefühl kann entwickelt werden», so Kurt Müller, «das kann nämlich kein Coach übernehmen. Ich kann nur festlegen, wo die Unter- und Obergrenze der Leistungsbereiche liegt.»
Darum fördert Kurt Müller insbesondere bei jungen Athleten die Fähigkeit der Wahrnehmung und mit dem Gefühl zu arbeiten. Dies ist nicht bei allen gleich entwickelt, «da gibt es immens grosse Unterschiede». Es gibt Athleten, die haben das in die Wiege gelegt bekommen, die können es einfach, anderen hingegen fällt es schwer. «Es gibt kein gut und schlecht, es hat alles seine Vor- und Nachteile», relativiert der Coach.
Kurt Müller holt Feedback seiner Athleten über standarisierte Trainingstools ein sowie über den Herzfrequenzvariabilität-Wert – und durch Gespräche. «Ich versuche, dahingehend zu arbeiten, dass sich das Gefühl möglichst mit den Daten deckt.» Die erfolgreichen Athleten gehen diesen Weg mit. Sie sind sich bewusst, dass die Fähigkeit, sich selbst einzuschätzen, einen grossen Teil des Erfolgs ausmacht. Idealerweise führe das dann zur «Perfektion der Kombination von Daten und Gefühl».
BERG- UND TALFAHRT
Athleten, die bewusst denken und handeln, sind hier klar im Vorteil. Kurt Müller gibt ein Beispiel: «Wenn ich einen jungen Athleten frage, wie er sich auf den Wettkampf vorbereitet hat, versteht er die Frage zunächst gar nicht. Dann frage ich nach, was hast du gegessen? Dann stelle ich fest, er nimmt einfach das, was auf dem Tisch steht. Das ist sicher optimierbar, das Frühstück ist wesentlich!»
Auch schwierige Situationen im Rennen lassen sich mit geschulter Wahrnehmung besser meistern. «Ein Rennen ist eine Berg- und Talfahrt, wenn es aufwärts geht, geht es auch wieder runter. Du musst dich immer auf die einzelnen Phasen vorbereiten», so Kurt Müller.
In der Weltspitze gebe es keine Athleten, die sich selbst trainieren. Weil das Gefühl so wichtig ist, ist es auch wichtig, es stets zu reflektieren. Der Coach ist hier der ideale «Sparringspartner». «Ein Athlet muss schon im Training unterschiedliche Geschwindigkeiten spüren können, sonst funktioniert es auch im Wettkampf nicht, darum ist das Gefühl so immens wichtig», sagt Kurt Müller. «Manchmal ist es gut, den Wattmesser und die Uhr abzukleben. Ich brauche die Daten, aber die Athleten brauchen sie nicht immer. Sie sollen das Gefühl fürs Tempo entwickeln, und dafür helfen die Daten.» Das ist Feintuning.
EIGENVERANTWORTUNG DES SPORTLERS
Er liebt es darum nicht, wenn die aufeinander abgestimmten Trainings ohne Absprache umgestellt werden – nur weil der Kollege etwas anderes auf dem Plan hat und man gerne mit ihm mitfahren möchte. «Jedes Training hat seine Wirkung, die sich nur einfalten kann, wenn das Training genauso durchgeführt wie geplant. Umso genauer ein Training absolviert wird, desto genauer weiss ich was wirkt.» Am Ende vom Tag liegt dies in der Eigenverantwortung vom Sportler. «Ich sage nur, was es braucht, um das gesteckte Ziel zu erreichen. Wenn ich eine Einheit drehe, dann muss ich drei oder vier andere Trainings eventuell auch drehen.» Der Athlet sei der CEO, sagt er, «ich nur der Verwaltungsrat.» Doch die Einheitenschieberei sei ein schlechter Weg, um gut zu werden oder die Perfektion der Kombination von Daten und Gefühl zu erreichen.
VERSTEHEN OHNE WORTE
Es gibt aber auch Konstellationen, in der sich diese Perfektion in einem Bruchteil einer Sekunde offenbart. Kurt Müller hat seinen Sohn Urs jahrelang erfolgreich gecoacht und war auch mit ihm sieben Mal auf Hawaii: «Ihm brauche ich am Morgen nur kurz in die Augen zu schauen und ich weiss, wie es ihm geht.» Da braucht es nicht einmal ein Wort.
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