
«EIN TRIATHLON IST DAS ABBILD VON DEINEM LEBEN»
Quereinsteiger aus anderen Sportarten, Neulinge, Junge, Ältere, Talentierte, fleissige Arbeiter, Ambitionierte und solche, die in erster Linie einen Lifestyle pflegen und ein Rennen finishen möchten: Triathlon fasziniert und zieht die unterschiedlichsten Menschen in den Bann.
Marcel Kamm (56) kennt sie alle, die unterschiedlichen Triathlon-Typen. Zum einen ist er seit Jahrzehnten selbst Triathlet, war unter anderem zweimal auf Hawaii an den Ironman-Weltmeisterschaften, zum anderen als Coach und Geschäftsführer vom Tempo-Sport in Horgen ZH und Erlinsbach AG. Marcel Kamm ist Ratgeber für alle, die Unterstützung bei der richtigen Materialwahl oder bei der Planung des Trainings brauchen.
So schön der Triathlon-Sport ist, so anspruchsvoll und komplex ist er auch. Er verlangt grosses Engagement im Training, die Akzeptanz, dass Entwicklungen Zeit brauchen und die Fähigkeit, Rückschläge zu verkraften. Triathlon ist eine Reise, die nicht aufhört. Darum warten immer wieder Fallen auf die Athleten – nicht nur auf Neueinsteiger, auch die «alten Hasen». Marcel Kamm kennt auch alle Fallen – zumal er selbst Quereinsteiger ist.
IN USTER WARS UM IHN GESCHEHEN
Als ehemaliger Spitzenruderer beim traditionsreichen RC Thalwil sammelte er einige Schweizer Meistertitel, ehe er eine längere Sportpause einlegte, um das Leben anderweitig zu geniessen. Seine damalige Freundin mag ihn als zunehmend ungeniessbar empfunden haben. Sie schenkte ihm Laufschuhe. Woraufhin er mit dem Laufen begann und sich plötzlich – mit zwei Freunden zusammen – beim Uster Triathlon über die olympische Distanz wiederfand.
Er weiss heute nicht mehr, warum er dort teilnahm, erinnert sich jedoch immer noch an die Schmerzen. Die Belastung von 2,5 Stunden war er nicht gewohnt und seine Erfahrung als Ruderer, wo ein Rennen nach ca. 6 Minuten zu Ende ist, half ihm überhaupt nicht. Ruderrennen werden von Beginn weg «volle Pulle» gefahren, im Triathlon aber ist das kontraproduktiv. Und obwohl er fit war, habe er die Distanz und die spezielle Herausforderung, drei Sportarten aneinanderzureihen, unterschätzt. «Uster war ein Horrorerlebnis», er habe überall Krämpfe gehabt, beim Radfahren und Laufen. Dennoch war es um ihn geschehen. Der neue Sport hat ihn sofort «total fasziniert».
«DISTANZEN, DIE EIGENTLICH NICHT ZU BEWÄLTIGEN SIND»
Früher, sagt er, habe für ihn stets der Leistungsgedanke im Vordergrund gestanden, heute hat seine grosse Leidenschaft eine ganz andere Qualität hinzugewonnen. Triathlon biete immer die Möglichkeit, mindestens eine Sportart zu trainieren und in Bewegung zu bleiben – auch wenn man verletzt sei. Das können die wenigsten Sportarten bieten. «Diese Ausweichmöglichkeiten werden mir immer wichtiger», sagt Marcel Kamm, «denn oft ist es schon ein Erfolg, wenn man gesund an der Startlinie steht.»
Der besondere Charakter des Triathlons sei, dass er per Definition ein Wettkampf ist, kein Mensch mache einen Triathlon im Training – oder bei sich daheim im Garten. Auch darum sei die Atmosphäre an den Rennen sehr speziell, mit Wechselzonen, in die nur die Athleten dürfen. Und der Mythos Hawaii, die besondere Geschichte des Rennens mit Distanzen, die eigentlich «nicht zu bewältigen sind», trage zur Magie der Sportart bei. Der Glanz von Kailua-Kona auf Big Island strahlt auf alle Strecken ab, von Short bis Langdistanz. «Da wurde ein Mythos geschaffen, der bei allen im Hinterkopf ist.»
SCHWEIZ IST TRIATHLON-HOCHBURG
Wen aber packt diese eigenartige Faszination? «Alle, vom Handwerker bis zum CEO», sagt Marcel Kamm. Die Schweiz ist eine Triathlon-Hochburg, «wir leben gut, man kann sich den Sport leisten.» Für die meisten Neulinge geht es anfangs in erster Linie nicht um die Leistung, sondern ums Finishen, «das ist schon eine Riesenchallenge», so Marcel Kamm, «der Leistungsgedanke und die Ziele kommen oft erst später.»
Der grösste Teil bleibt dem Triathlon lange treu. Man kenne das ja, so Marcel Kamm, man kommt nach einer Langdistanz ins Ziel, hat sich gequält, sagt sich, dass man das nie wieder mache – und meldet sich nur wenig später für das nächste Rennen an. «So ein Wettkampf ist halt ein gigantisches Erlebnis, ein Kampf. In einem so langen Rennen gibt es immer Hochs und Tiefs, selbst die Profis haben Krisen, einen Platten oder einen Hungerast. Ein Triathlon ist das Abbild von deinem Leben.»
DIE MATERIAL-FALLE
Einer der grössten Fallen im Triathlon bringt eine der grössten Qualitäten von Triathleten mit sich. «Triathleten sind extrem innovationsfreudig», so Marcel Kamm, «gibt es etwas Neues auf dem Markt, ist der Triathlet der absolut erste Mensch, der das kauft. In anderen Sportarten muss für Veränderungen jahrelang Überzeugzeugungsarbeit geleistet werden.» Die Radprofis beispielsweise übernahmen beim Zeitfahren den Triathlon-Lenker: Greg LeMond war 1989 der Erste, der mit revolutionärem Material die Tour de France gewinnen konnte. Die Triathleten waren hier die Pioniere. Es sei aber ein Trugschluss, so Marcel Kamm, dass man nur schnell sein kann, wenn man das neueste Material zur Verfügung hat: «Unter Umständen raten wir sogar vom Kauf eines Zeitfahrrades ab. Es kann auch ein Strassenrad mit Tri-Aufsatz genügen. Es sind immer individuelle Lösungen gefragt.»
Aktuelles Beispiel sind die relativ neuen Carbon-Laufschuhe. «Die Medien sind voll, alle jubeln das Produkt hoch. Es braucht aber bestimmte Voraussetzungen wie Tempo oder Laufstil, um den Schuh überhaupt laufen zu können. Am Ironman in Dubai vor zwei Jahren, als der Schuh ganz neu auf dem Markt war, habe ich beobachten können, dass bereits jeder zweiter Agegrouper damit gelaufen ist. Da tat mir schon das Hinsehen weh, die Hälfte der Athleten ist nämlich neben dem Schuh gelaufen. Da sind Verletzungen vorprogrammiert.»
DIE PROFI-FALLE
Triathleten fixieren sich gerne aufs Material, glauben, ohne die neuesten Hypes nicht konkurrenzfähig zu sein. Weil Triathleten schon mal im gleichen Wettkampf unterwegs sind wie die Stars, bietet sich für viele der direkte Vergleich des Materials an. Viele Hobbysportler kopieren die Profis sogar, eine ganz grosse Falle. Profis sitzen oft so radikal auf den Rädern, das ist für einen Agegrouper gar nicht machbar. «Man muss auch noch Luft bekommen», so Marcel Kamm, «das sind die falschen Vorbilder. Denn auch ein Sebastian Kienle sitzt anders auf dem Rad als ein Jan Frodeno.»
«Profis sind die falschen Vorbilder.»
Marcel kamm
Das Optimierungsstreben geht weiter und immer weiter: Altersklassenathleten gehen beispielsweise in den Windkanal zum Aero-Test oder suchen nach individuellen Lösungen fürs Cockpit. Das alles geht schnell ins Geld, doch Marcel Kamm winkt ab, nein, man müsse nicht reich sein, um sich Triathlon auch auf einem gewissen Niveau leisten zu können. Eine «schlaue» Ausrüstung kann auch ein Occasionsvelo beinhalten. «Aber ohne finanziellen Aufwand, ist die Sportart nicht möglich. Wenn jemand Eisenbahnen sammelt, kann das auch schnell teuer werden.»
DIE SCHULDGEFÜHL-FALLE
Eine der grössten Fallen liegt beim Training. Eine Falle, in die viele Triathleten tappen: Wer drei Sportarten trainiert, Ausgleichsportarten oder Krafttraining ist nicht mit eingerechnet, hat immer das Gefühl, etwas zu verpassen, auszulassen. Durch die Trainingsgestaltung kann es vorkommen, dass vier Tage ohne Radfahren bleiben oder mehrere Tage ohne Laufen. Das löst beim gemeinen Triathleten Nervosität und ein schlechtes Gewissen aus. «Ein Radsportler oder Läufer hat das Problem nicht», so Marcel Kamm, «viele Agegrouper trainieren über Jahre hinweg zwei bis drei Mal am Tag, aus dem Gefühl heraus, man müsse sich ständig steigern, um besser zu werden. Das erzeugt Stress, und zum Schluss ist man gefangen in einem Denkmuster.» Ein Verhalten, das von der einen zur anderen Verletzung führen kann.
DIE SPEZIALISTEN-FALLE
Und dann ist da noch der Druck, so gut sein zu wollen wie die Spezialisten, «das ist unmöglich für einen Agegrouper», warnt Marcel Kamm. Die ständigen Vergleiche können anspornen, aber auch die Freude nehmen. «Da bekommst Du ein schlechtes Gewissen, wenn Du Dich nur schon auf Strava einloggst.» Mittlerweile gelten Distanzen von über 100 km als Selbstverständlichkeit, immer mehr fahren 200, 300 und gar 400 km in einer Tagestour. «Ich würde mir von einigen etwas mehr Coolness wünschen und die Erkenntnis, dass man nicht überall gut sein muss.» Denn sicher ist auch: Die meisten bremsen sich irgendwann selbst aus. Der Körper lässt sich nicht austricksen, oft geht dann gar nichts mehr. «Das ist ein Balanceakt», so Marcel Kamm, der seinerseits grosses Verständnis für alle Bewegungsmenschen hat, denn «,wenn ich zwei Wochen nichts machen kann, verrecke auch ich fast.»
DIE RUHETAG-FALLE
Profis gehen sorgsamer mit ihren Kräften um, der Körper ist ihr Kapital. Sie nutzen Ruhetage zur Erholung. Ganz anders die Triathleten. Der Coach Marcel Kamm hat auch schon im Trainingslager einen seiner Triathlon-Kollegen vom Balkon runter beobachtet, wie er am Ruhetag aufs Rad stieg. Auf Nachfrage, was er denn vorhabe, erhielt er die Antwort: «Nur schnell 100 km.» Als Coach könne und solle man einwirken, «besser ist es aber, wenn die Person es selbst checkt, was mehrheitlich auch der Fall ist.»
DIE BELASTBARKEITS-FALLE
Was sollte man mitbringen, um im Triathlon erfolgreich zu sein, und um eventuell von vorneherein eine Falle zu vermeiden? «Von Vorteil ist ein gutes Kreislaufsystem, eine möglichst hohe Vo2max, ein leistungsfähiges Herz und eine gute Fettverbrennung.» Und ganz entscheidend: Längere Radfahrten und Läufe über Stunden muss man körperlich vertragen können und auch im Kopf wollen, «aber die meisten scheitern nicht, weil sie zu faul sind, sondern weil sie zu viel wollen.»
DIE OPTIMIERUNGS-FALLE
Es gibt sensible Phasen, in denen das Zu-viel-wollen gefährlich ist, zum Beispiel kurz vor einem Wettkampf. «Dann passieren die meisten Verletzungen», ist die Erfahrung von Marcel Kamm. Dann sei man einerseits körperlich topfit, anderseits hochmotiviert – und überspannt den Bogen. Kommt hinzu, dass viele gerade in der Phase neue Dinge ausprobieren, die Ernährung optimieren möchten, die Laufschuhe wechseln oder die Sitzposition verändern. Das alles unbedingt lassen!
Marcel Kamms wichtigster Tipp ist aber: Geduld haben, Zeit mitbringen und konstant trainieren – über Jahre. Wer einen Ironman gut vorbereitet absolvieren möchte, brauche drei Jahre Training. Das sind dann auch Athleten, «die den Plausch haben, die Entwicklungsschritte sind dann riesig.» Mit Fleiss könne man auf der Langdistanz, auch ohne viel Talent, sehr weit kommen. Ein langfristiger Aufbau beinhaltet auch kürzere Strecken: «Man muss nicht als erstes einen Ironman machen.»
DIE MACHBARKEITS-FALLE
Ihm ist aufgefallen, dass immer mehr Kunden sofort und mal eben so, womöglich mit nur drei Monaten Vorbereitung, einen Ironman absolvieren wollen. Es sind solche, die keine Vorstellung von der Distanz und den Strapazen haben. Vielleicht hat es damit zu tun, dass heute alles machbar scheint, dass der Bezug zur Realität durch schöne Bilder in den Medien verloren gehen kann. «Das hat es vor 15 Jahren nicht gegeben. Die Leute unterschätzen das total, kaufen das beste Material und engagieren einen Coach, der sie <prügelt>. Die scheitern dann meistens und hören auf, das finde ich sehr schade», so Marcel Kamm.
Doch die Mehrheit infiziert sich mit dem Virus Triathlon, «es ist schwierig von der Sucht wegzukommen», sagt Marcel Kamm – und weiss genau, wovon er spricht.
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