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Triathlon Podcast


#5 Micky Tronczik, Coach und Ex-Profi-Schwimmer – Problemzone Schwimmen

Micky Tronczik: Warum nicht alles Sinn macht, was Triathleten tun. Foto: Sabine Klapper

«DER WICHTIGSTE MOMENT, UM SCHWIMMEN ZU VERSTEHEN, IST WENN ICH MICH VOM BECKENRAND ABSTOSSE»

Wasser ist sein Element. Und über die Sportart Schwimmen weiss er so viel wie kaum ein anderer.

Der gebürtige Berliner Michael «Micky» Tronczik (48) ist in der Schweiz der meistgefragte Schwimm-Trainer für Triathleten. Vielleicht, weil er als Ex-Schwimmer, Coach, Lehrer und Ausbildner die anspruchsvolle Sportart aus allen denkbaren Perspektiven kennt – und eine ganz eigene Art entwickelt hat, sein grosses Knowhow weiterzuvermitteln.

… SCHON ALS BABY SCHNELL …

Micky Tronczik, der heute in Zug lebt, absolvierte bereits als Baby den ersten Schwimmkurs, durchlief dann – ganz klassisch – alle Stufen vom Kinder- zum Wettkampfschwimmen. Er schwamm zur gleichen Zeit wie die ehemalige Weltrekordhalterin und Weltmeisterin Franziska Van Almsick in der deutschen Nationalmannschaft. Micky Tronczik hat Sport studiert und diverse Trainerausbildungen absolviert. «Als ich vor 20 Jahren in die Schweiz kam, habe ich mit der Schwimmlehrerausbildung angefangen und später selbst Lehrer ausgebildet und Schulunterricht gegeben. Das hat mir geholfen.» Kindern das Schwimmen beizubringen, betont er, «hat so gar nichts mit Wettkampfsport zu tun.»

Triathlon-Schwimm-Coach ist er nicht nur mit völliger Begeisterung, sondern auch mit einer Vision: «Ich habe mir zum Ziel gesetzt, mich von den klassischen Coaches zu unterscheiden, vor allem von den Triathlon-Coaches. Ich hatte das Glück, sehr gute Trainer gehabt zu haben.» Aber man habe darum noch lange nicht automatisch das Gespür dafür, wie komplexe Inhalte den verschiedenen Zielgruppen verständlich vermittelt werden können. Er arbeitet mit Personen, die oftmals nicht viel Wassererfahrung haben: «Die muss ich abholen, um ihnen den nächsten Schritt beizubringen.»

Und da ist der grosse Haken, denn «Leistungsschwimmer und Triathleten schwimmen zwar beide – aber es sind in der Ausführung zwei völlig unterschiedliche Sportarten. «Wir können uns ausrechnen, wie viele Stunden man im Leben läuft oder rennt. Oder sich auf dem Fahrrad fortbewegt, sei es auch nur zum Bahnhof oder zur Schule. Wenn man sich anschaut, wie viel Zeit man im Wasser verbracht hat, da kommen die Schwimmer auf ganz andere Zahlen als ein Triathlet», so Micky Tronczik.

HARTES UNS WEICHES WASSER

Das ist die schlechte Nachricht: Triathleten werden niemals das Niveau eines Spitzenschwimmers erreichen können. Die gute Nachricht: Sie können eine Menge von ihnen lernen. Darum ist es hilfreich, ganz genau hinzuschauen, was Schwimmer im Wasser eigentlich machen. Das beginnt bereits beim Element Wasser und dem oft beschriebenen Wassergefühl. «Zehn Schwimmer geben zwölf verschiedene Antworten, wenn es ums Wassergefühl geht. Schwimmer sprechen von weichem und hartem Wasser, das ist für viele gar nicht spürbar. Das macht aber einen sehr grossen Unterschied aus.» Beim Einschwimmen vor einem Rennen müsse sich der Schwimmer darauf einstellen. Wasser sei zwar Wasser mit gesetzten physischen Eigenschaften, «trotzdem fühlt es sich immer wieder ganz anders an», so Micky Tronczik.

WASSERGEFÜHL: MILLIMETERARBEIT

Wassergefühl zu erlangen, sei Millimeter-Arbeit. Das bedeutet, die Hände, die Arme oder die Füsse so zu stellen, dass man dem Wasserwiderstand entgegenwirkt und Abdruck vom Wasser erzeugt. «Das Wassergefühl trainiert man als Schwimmer immer und immer wieder. Das ist mühsam für jemanden, der das nicht von klein auf gelernt hat», weiss Micky Tronczik.

Auch der beste Schwimmer muss stets seine Position suchen, vor allem nach jeder Pause oder Krankheit und nach jeder technischen oder körperlichen Veränderung. «Auch Topschwimmer wie ein Michael Phelps, obwohl der gleiten kann, optimiert seine Position praktisch in jeder Trainingseinheit.» Das sei etwas, schiebt der Schwimmcoach nach, «das Triathleten nicht verstehen wollen. Die meisten denken, ich muss schwimmen, schwimmen, schwimmen.»

RIESIEGER AUFWAND FÜR WENIGE SEKUNDEN

Bei den Schwimmern gehe es um Nuancen, so sei sich strecken nicht gleich sich strecken. Sondern die Schultern ganz nach vorne zu schieben und sich wirklich lang zu machen. Oder den ganzen Körper rotieren und nicht nur den Oberkörper. Das betreiben Schwimmer in Perfektion. Die Ersparnis von wenigen Sekunden bedeuten einen riesigen Aufwand.

Die Wasserlage ist einer der wichtigsten Faktoren im Schwimmen, leider aber gaukeln sich viele Triathleten mit Trainingshilfsmitteln wie Paddles oder Pullbuoys etwas vor. «Oft kommt die Ausrede, dass in den meisten Triathlons Neoprenanzüge erlaubt sind, die schon für die richtige Wasserlage sorgen. Das ist Augenwischerei. Wenn ich in dem Neopren nicht die richtige Körperspannung habe, dann bremst es mich genauso wie ohne Neopren», weiss Micky Tronczik.

MIT DEM BEINSCHLAG AUF KRIEGSFUSS

«Solange ich weiss, was ich tue, sind Hilfsmittel in Ordnung. Wenn ich mit Paddles einen Trainingseffekt erzeugen möchte, dann muss ich diesen Paddle mit der gleichen Geschwindigkeit durchs Wasser ziehen wie ohne ihn. Dann spüre ich den zusätzlichen Druck, dann ist es Krafttraining. Wenn ich aber nicht ansatzweise an die Geschwindigkeit komme, dann ist es nur ein Ausweichmanöver», so Micky Tronczik. Das gilt auch für Flossen oder Pullbouy, mit denen man schneller unterwegs sein sollte als ohne.

Viele Triathleten stehen mit dem Beinschlag auf Kriegsfuss. Dabei ist der enorm wichtig, denn er «trägt 20 Prozent zum Vortrieb und etwa 80 Prozent zur Wasserlage bei. Wenn ich den Beinschlag weglasse, dann verliere ich 80 Prozent Unterstützung für eine gute Wasserlage. Und wenn ich dann noch die Füsse nicht in der richtigen Position habe, bremse ich. Da entstehen Verwirbelungen hinter dem Körper, die einen selbst langsamer machen – und den Schwimmer hinter mir ran saugen. Kein Beinschlag ist nie die Lösung, das wird enorm unterschätzt.»

DEN AUFTRIEB DOPPELT SPÜREN

Und dann ist da noch eine andere diffizile Sache: der Auftrieb. «Die Schwerkraft zieht mich zu Boden, wenn ich mich aber im Wasser richtig verhalte, dann bleibe ich oben. Allein dieser Zustand ist nicht für jeden leicht einzunehmen.» Dynamischer Auftrieb entstehe, wenn «man sich gut bewegt, dann kommt man ins Rutschen, man wird schneller. Es entsteht ein Effekt, von dem man lange profitieren und mit dem man sich besser positionieren kann. Wir brauchen viel eingetauchten Körper, und alles was eingetaucht ist, sollte Vortrieb erzeugen. Alles was nicht dem Vortrieb dient, versuchen wir aus dem Wasser zu bekommen. Das ist ein spannender Mix.»

«Der wichtigste Moment, um Schwimmen zu verstehen, ist wenn ich mich vom Rand abstosse. Man ist niemals schneller als nach einem guten Abstoss. Mit diesem Gefühl, das Schwimmen anzufangen und in diesem Flow zu bleiben, muss das Ziel sein. Dazu muss man sich konzentriert abstossen, um dieses Gefühl überhaupt zu erlernen. Die Mühe macht sich Triathleten kaum. Sie müssen erst noch die Uhr starten, sie bleiben an der Wasseroberfläche beim Abstossen, sie haben keine Körperspannung, die Beine sinken ab, sie sind einfach nicht parat, und dann fangen sie an zu schwimmen. Das sind jedes Mal verschenkte Sekunden, die nicht dazu beitragen, dass ich das Rutschen im Wasser lernen kann.»

Viele Athleten müssten gerade in der Vor- oder Wintersaison ins kleine Becken und nur das Abstossen üben, aber man habe dann Sorge, man versäume Training, so Micky Tronczik.

DIE UHR AM HANDGELENK

«Technik», sagt er, «ist ein wichtiger Bestandteil des Trainings, aber sobald wir den Technikbereich verlassen, geht es nur ums Pacing. Pacing auf dem Rad und beim Laufen ist für die meisten Triathleten selbstverständlich, beim Schwimmen aber gibt es für sie nur zwei Tempi, schnell und langsam», so Micky Tronczik. «Manchmal gibt es dann noch Bezeichnungen wie Grundlagenausdauer 1 und 2. Wenn ich dann nachfrage, was das bedeutet, wird es schwammig. Ich vermisse da die Seriosität. Man stoppt irgendetwas am Handgelenk, meistens 100er und 200er, und macht damit – gar nichts. Wenn es wichtig wäre, eine Pulsuhr umzuhaben, dann würden das die Profischwimmer machen.»

«Wenn es wichtig wäre, eine Pulsuhr umzuhaben, dann würden das die Profischwimmer machen.»

mICKY tRONCZIK

Schwimmer haben die Uhr am Beckenrand, damit sie wissen in welchem Tempo sie unterwegs sind und ein Gefühl entwickeln, wie schnell sich das anfühlt, erklärt Micky Tronczik. «Dieses Gefühl ist für den Schwimmer matchentscheidend. Im See hingegen haben wir keine Orientierungspunkte, da muss man sich das Tempogefühl antrainiert haben, damit man einschätzen kann, wie man am Ende mit einer brauchbaren Zeit ankommt.»

VERPUFFTE ENERGIE

Das Gefühl für das Tempo vermisse er auch bei den Triathlon-Trainern: «Sie drücken sich darum, konkret zu werden. Schwimmen ist nur eine Stunde von einem langen Wettkampftag. Und natürlich kann ich mit viel Training in den anderen Disziplinen viel grössere Minutensprünge machen als beim Schwimmen. Gleichwohl ist es der Auftakt ins Rennen, und da finde ich es schade, dass man so viel Energie verpuffen lässt, weil man die einfachsten Regeln nicht einhält.»

Micky Tronczik empfiehlt Triathleten für die Praxis, sich von einem Coach regelmässig kontrollieren zu lassen. Vor allem sollte man einem Coach vertrauen und sich nicht zur gleichen Zeit von überall her Inputs holen. «Man sollte sich auf eine Technik einlassen und sich nicht aus dem Konzept bringen lassen.» Sinn mache auch, sich auf nur wenige Punkte zu konzentrieren und herauszufinden, wie es sich anfühlt, wenn man es richtig macht. Und dieses Fühlen in die nächsten Trainingseinheiten mitnehmen und die Bewegung automatisieren

AUTO MIT OFFENEN TÜREN

Und man solle ehrlich zu sich selbst zu sein, wenn es um die Zeit geht, die man ins Schwimmen investieren kann. Einmal Training in der Woche hat höchstens einen erhaltenden Charakter. Wenn man nicht mehr investieren kann, sollte man den Fokus auf die anderen Disziplinen lenken. Auch bei zweimal Training in der Woche sind keine Wunder zu erwarten. «Das was ich am häufigsten erlebe ist, dass alle schneller werden wollen, dabei müssen sie zuerst an der Position im Schwebe- und Gleitverhalten arbeiten, damit sie überhaupt einmal spüren, wenn sie die Geschwindigkeit erhöhen. Es bringt schliesslich nichts, wenn ich in ein Auto einen schnelleren Motor einbaue, aber die Türen rechts und links auflasse.»

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