
«DU KANNST DEN TRIATHLETEN AUS HAWAII NEHMEN, ABER DU BRINGST HAWAII NICHT AUS DEM TRIATHLETEN»
Sie sind das magische Ziel vieler Langdistanz-Triathleten: Die Ironman-Weltmeisterschaften im Oktober auf Hawaii, die mehr als nur ein Wettkampf sind. Der gebürtige Solothurner Pirmin Christen (48) hat auf der heissen und windigen Insel bereits vier Mal gefinisht (2008, 2010, 2016, 2019) und stets vor Ort als Coach Athleten betreut. Er weiss, dass der Wettkampf seine eigenen Gesetze hat und es gleich mehrere Codes braucht, um ihn zu knacken.
Im Grunde ist es so, dass Pirmin Christen erst durch den Mythos Hawaii zum Langdistanz-Triathleten wurde. Früher war er Kunstturner – hohe Körperspannung, überragende Feinmotorik und Reaktionsschnelligkeit zeichneten ihn aus. Als er um die Jahrtausendwende zum Triathlon konvertierte, war er zunächst einmal fasziniert vom Tempo, von schnellen Wettkämpfen über die Sprint- oder Olympische Distanz.
Rasch bemerkte er, dass es in dieser Triathlon Szene noch um etwas ganz anderes ging: Kona auf Hawaii, hier findet der ultimative Wettkampf statt. Einer seiner Teamkollegen habe sich unglaublich gefreut, nachdem er sich nach vielen Anläufen endlich für die WM qualifizieren konnte. «Da habe ich gespürt, dass dieser Event etwas ganz Besonderes sein muss. Dass, wenn man schon das Talent hat, es den Leuten fast schuldig ist, dort teilzunehmen.»
«MUTTER DES TRIATHLONS»
2008 konnte sich Pirmin Christen auf Anhieb für die WM qualifizieren. Er stellte fest, dass Hawaii, trotz des vielbeschriebenen Mythos, erlebt werden muss: «Bevor man nicht selbst vor Ort ist, ist es halt doch auch nur ein Wettkampf wie jeder andere auch. Du hörst und liest vorher viel von der speziellen Stimmung dort, wenn Du ankommst und da bist, ist nochmal etwas anderes.»
Am Morgen beim Schwimmen in der legendären Dig Me Beach in Kailua Kona, «die Profis von Nahem zu sehen und die Stimmung aufzusaugen, das ist wie ein Ankommen. Du bist ein Teil davon und das hat mich immer wieder hingezogen.» Die Langdistanz-WM auf Hawaii, 1978 erstmals ausgetragen – wenn auch in anderer Form und an einem anderen Ort – sei die «Mutter des Triathlons». Allein diese Geschichte mache ein Teil der Magie aus, so Pirmin Christen. Hawaii sei auch darum so einzigartig, weil nur an diesem einem Tag die Weltbesten versammelt am Start sind.
«Mein erstes Rennen war ein anständiges Rennen, aber ich hatte das Gefühl, dass es noch besser geht. Es ist ein schwieriger Wettkampf, und es ist schwierig, den Kona-Code zu entschlüsseln. Denn dieses Rennen gibt Dir immer neue Aufgaben.» Als Rookie sei er mit Handbremse gestartet, nicht wissend, was ihn erwartet, «es braucht Demut bei diesem Wettkampf mit wechselnden Winden und anspruchsvollen Temperaturen. Kurz vor dem Ziel, angefeuert von Zuschauern, kam eine unbändige Freude auf. «Es geschafft zu haben, da bin ich innerlich fast durchgedreht.»
ZWEI KONA-CODES
Um beim Rennen auf Big Island optimal zu performen, brauche es zwei Kona-Codes, so Pirmin Christen. Das ist einerseits die Qualifikation und andererseits das Rennen selbst. Man könne sich zu Nutze machen, dass dieser Wettkampf immer am gleichen Ort sei. Für andere wiederum, zum Beispiel die Deutschen Lothar Leder oder Jürgen Zäck, die zu ihrer Zeit die Langdistanz dominierten, ist Hawaii «wie ein Fluch» gewinnen. Sie konnten nie gewinnen.
Über die Jahre ist die Leistungsdichte in den vorangehenden Qualifikationsrennen anspruchsvoller geworden. Wurden früher pro Rennen viele Slots vergeben, so braucht es heute zumeist einen Podestplatz. «In unserer Sportart ist sehr viel Knowhow hineingekommen. Die Age Grouper haben ihren Aufwand teilweise den Profis angepasst. Man investiert und optimiert überall – angefangen bei der Ernährung, und man testet sogar im Windkanal. Heute trete ich im Vergleich zu den Anfängen 20 Watt weniger, bin aber aufgrund verbessertem Material gleich schnell.»
Die kräftezehrende Qualifikation verhindert oft, dass in Kona ein wirklich guter Wettkampf möglich ist. Rückblickend stellt Pirmin Christen fest, dass «ich an der Weltmeisterschaft noch nie frisch war». Das sei ein Dilemma, man müsse sich entscheiden, ob man sich frühzeitig, noch im Vorjahr, qualifizieren möchte. Dies dann aber mit vielen anderen, die das gleiche Ziel haben, was es wiederum noch schwerer macht, oder im Juli vor der WM mit dem Risiko, sich bis Oktober nicht mehr richtig zu erholen.
Pirmin Christen kann von sich behaupten, den Code für die Qualifikation für sich und seine Athleten zu kennen, aber nicht unbedingt für das Hawaii-Rennen selbst; denn «das ist immer eine schwierige Geschichte.» Das muss er nicht nur als Athlet, sondern auch als Sportwissenschaftler und Coach akzeptieren, «denn sonst laufen meine Rennen zumeist nach Plan.» Er habe überhaupt erst nur einen Wettkampf wegen einer Verletzung aufgeben müssen.
DANN GEHST DU ANS LIMIT – UND DAS WAR EIN ZACKEN ZU VIEL
Wie man es auch macht, oft kommt, es hier auf dieser schönen Insel, anders als man denkt – oder es geplant hat. «2019 hatte ich mich im Mai auf Lanzarote so früh wie noch nie qualifiziert. Ich hatte mich erstmals noch konsequenter als sonst mit einem Coach vorbereitet, alles war super. Ich habe den Wettkampf, wo man auf der anspruchsvollen Radstrecke 45 Minuten länger unterwegs ist als sonst, gut weggesteckt, auch im Kopf. Danach war ich übermotiviert, habe nach einer kurzen Pause nochmals so richtig hart trainiert, war fast vier Wochen vor dem Rennen angereist. Ich wollte da auf die Bühne mit dem Ziel unter die ersten Fünf zu kommen. Dann gehst Du ans Limit – und das war dann ein Zacken zu viel.»
«Dann gehst Du ans Limit – und das war dann ein Zacken zu viel.»
Pirmin Christen
Trotz perfekter Vorbereitung und einer Vorahnung, spürte er erst am Wettkampftag, dass es nicht laufen würde. Schon beim Schwimmen machten ihm die Wellen, die ins Kreuz drückten, zu schaffen. «Es ist eine grosse Enttäuschung, wenn du mit Rückenschmerzen aus dem Wasser kommst und dann auf dem Rad merkst, dass du kein Gas mehr geben kannst.»
Der Kona-Code blieb ihm in diesem Rennen verschlossen, doch «den Finish stelle ich nie in Frage. Ich schalte dann um und setze einen anderen Fokus, schaue mir die Gegend an. Ich habe beim Marathon gute Gespräche gehabt, unter anderem im Energy Lab mit einem Athleten aus Kanada, der selbst auch coacht. Vom Gehen kamen wir wieder ins Laufen, er hat mich noch angefeuert und mich ziehen lassen. Die letzten 10 km liefen für mich dann richtig gut.» Auch das ist ein Comeback, das man feiern kann.
DEN WIND ZUM FREUND MACHEN
Pirmin Christen ist auch Mentalcoach, sieht den Zugang zur psychologischen Vorbereitung für Hawaii aber eher in der Physis. Er fordert sich und seine Athleten in jedem Training heraus. Zum Beispiel solle man auch bei Wind und Regen im Wettkampftempo rausgehen, auch mit windanfälligen Hochfelgen, die solle man nicht erst im Wettkampf monierten und sich dann überraschen lassen.
In jeder Einheit könne man sich auf einen Aspekt fokussieren, der im Wettkampf entscheidend sein kann. Das betrifft insbesondere das Pacing. Wie fühlt sich das an? Machen die Beine zu? Wie gehe ich damit um? «Auf einer Pässefahrt zum Beispiel kannst Du viel mehr trainieren als nur das Herz-Kreislaufsystem. Du kannst andere Fragen stellen. Wie reagiere ich auf Wind, kann ich mir den zum Freund machen? Von Vorteil ist, allein zu trainieren, sich nicht abzulenken, indem man ständig in der Gruppe fährt, schwätzt oder Musik hört. Im Rennen bist Du auch allein, da kann Dir niemand helfen.»
Die Kunst sei die verschiedenen Grade der Fokussierung zu beherrschen, ähnlich wie bei einer Taschenlampe, deren Lichtkegel veränderbar ist. Man kann einen Aspekt gezielt beleuchten und das grosse Ganze im Dunkeln lassen. Oder den Kegel voll aufdrehen, alles sehen und einzelne Aspekte unschärfer werden lassen. Allein und mit diesen Gedanken zu trainieren, sei ein Schlüssel zur Leistungssteigerung. Zwar sei das immer beliebter werdende Rollentraining aus technischer Sicht nicht ideal («Die Leute verlernen das Radfahren»), aber für den Kopf ein sehr gutes Training. Der Kanadier Lionel Sanders-Professional Triathlete beispielsweise, der den überwiegenden Teil seines Trainings indoor absolviert, sei ein «Pyschomonster», «den killst Du nicht», den interessiere nur das Pacing.
Als Trainer fördert er genau diesen Aspekt: «Meine Athleten sollen selbstständig und unabhängig werden. Diese ständigen Challenges im Training machen sie flexibler gewöhnen sie daran, allein zu sein. Denn das ist der Charakter von diesem Ironman auf Hawaii, Du musst das Ding allein durchziehen. Wenn das jeder in seinem Kopf hätte, dann würde es auch keine Windschatten-Problematik geben. Ich finde auf diesen Ehrenkodex sollten wir als Coaches viel mehr Wert legen und dies unseren Athleten entsprechend vermitteln.»
NOCH VIEL VOR AUF HAWAII
Der nächste Ironman auf Hawaii soll im Oktober 2022 stattfinden. Es gibt auch Stimmen, die daran zweifeln und behaupten, 2019 hätte die letzte WM auf der Insel stattgefunden. Unvorstellbar für Pirmin Christen. Ein Bergsteiger möchte auf den Mount Everest, der Nanga Parbat kommt erst danach, meint er. Und es ist sofort klar, dass er auf Hawaii noch einiges vorhat, das nächste Kapitel wartet: «Du kannst den Triathleten aus Hawaii nehmen, aber Hawaii bringst du nicht aus dem Triathleten. Zumindest aus mir nicht.»
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