Tristory

Triathlon Podcast


#3 Roy Hinnen, Coach, Athlet, Geschäftsführer – Freiheit im Triathlon

Roy Hinnen: Freiheit braucht Grenzen. Foto: ZVG

«DER WAHRE WERT VOM LEBEN HÄNGT NICHT AN EINEM SIEG»

Wer den Podcast zu dieser Story hört, nimmt das feine, leise Säuseln im Hintergrund wahr. Der gebürtige Luzerner Roy Hinnen (55) ist Besitzer und Betreiber des einzigen Schwimmkanals in der Schweiz. Wir haben das Interview im Büro der (laufenden) Anlage in Horgen ZH geführt. Damit sind wir beim Thema: Roy Hinnen hat einen eigenen Pool und kann schwimmen, wann er will. Das wäre für viele Triathleten die maximale Freiheit. Doch was ist Freiheit wirklich? Und was könnte ihre Bedeutung im Zusammenhang mit Triathlon sein – eine Sportart, die in der Tagesplanung kaum Spielraum lässt?

Roy Hinnen ist als Tausendsassa im Triathlon, als einer, der sich nicht festlegen lässt, ein Experte für das Thema Freiheit. Als Athlet hat er über die Langdistanz (Bestzeit 8:35 Stunden) viele Titel gewonnen, er ist zudem Buchautor und vor allem erfolgreicher Coach von 25 Athleten, darunter der Berufspilot und Familienvater Christian Störzer Der Deutsche ist mit 7:56:40 Stunden (Triathlon Podersdorf 2020, AK 35 – 39) weltweit der schnellste Agegrouper auf der Langdistanz. «Mit ihm peilen wir in diesem Jahr den doppelten Weltmeistertitel an. Wir gehen in der Vorbereitung neue Wege und wissen noch nicht, wo das hinführt», so Roy Hinnen. Er ist darüber hinaus Geschäftsführer dreier Firmen (https://www.triathloncoach-royhinnen.ch/, https://www.schwimmkanal.ch/de/, https://www.flusspool.ch/de) und ein wenig stolz, sich als ehemaliger Profi-Triathlet auch im Business erfolgreich bewährt zu haben: «Ich habe zwischendurch viel Geld verloren und bin bankrottgegangen.»

ÜBERTRAINING, MAGERSUCHT UND UNFÄLLE

«Eine grosse Aufgabe über das Thema Freiheit zu reden, schwieriger kann es nicht sein», so Roy Hinnen. Fangen wir also beim Gegenteil an. Als Kind habe er zu wenig Grenzen erfahren, «diese aber wären sehr wichtig gewesen, damit ich verstanden hätte, wo die Räume sind, in denen ich mich bewegen kann. Sonst wird alles <too much>, dann bist du auch nicht mehr frei.» Diese Grenzenlosigkeit in der Kindheit sei mit ein Grund für ihn gewesen, mit Triathlon anzufangen: «Hier habe ich mir selbst Grenzen gesetzt – und diese überfahren mit Übertraining, Tendenzen zur Magersucht oder Unfällen. Ich habe mir unbewusst weh getan.»

Seinem 8-jährigen Sohn setzt er Grenzen: «Er ist zu jung, um seinen Rahmen zu kennen. Ich sage ihm, bis hierhin darfst du gehen und nicht weiter, damit er das Gefühl von Geborgenheit hat. Wenn du keine Grenzen hast, wo ist dann die Geborgenheit? » Die Verantwortung, die er gegenüber seinem Sohn wahrnimmt, spürt er auch gegenüber seinen Athleten – wenn auch auf einer ganz anderen Ebene.

Als Coach müsse er die Sportler belasten, ja verletzen, natürlich in richtigem Masse, um Fortschritte zu erzielen. Dieser Weg führe für den Athleten zunächst in die Unfreiheit. Der Ertrag sei eine Leistungssteigerung, darin sehe er seinen Auftrag. Gleichzeitig möchte er die Athleten in die Selbstständigkeit, die Bewusstheit und die Selbstreflektion führen. «Ich versuche sie so zu fördern, dass sie selbst einen Coach in sich entwickeln, der bewusst wahrnimmt.» Ein Prozess, der für den Athleten zu einem Gewinn an Freiheit führe. «Es gibt aber auch Triathleten, die das nicht wollen, sondern nur das abspulen, was der Coach vorgibt. Das funktioniert auch, wichtig sind die Absprachen, die man trifft. Man muss Erwartungen klären.»

ABSPRACHEN ALS GRUNDLAGE FÜR DIE PERSÖNLICHE FREIHEIT

Es geht ihm um das Bewusstsein, um das Bewusstwerden, das zur Freiheit führen kann. Oft ist es hilfreich, sich zu fragen, warum mache ich das überhaupt? Er habe die Erfahrung gemacht, dass «Triathleten ins Extrem gehen wollen … Sie möchten das Gefühl haben, dass sie stark sind, dass sie sich dominieren und sich durchsetzen können, dass sie Anerkennung bekommen.» Die Antwort auf die Frage, was einen antreibt und wohin man wolle, sei entscheidend. Darum sei die Zielsetzung im Triathlon «sehr wichtig». Wenn die Ziele realistisch abgesteckt seien, und mit der Familie oder dem Partner abgesprochen, dann wird das Unternehmen Triathlon auch nicht zum Ego-Trip.

… SONST HALTE ICH DIE BEZIEHUNG NICHT AUS …

Absprachen und Offenheit gegenüber dem Umfeld sind aus seiner Sicht eine Grundlage für persönliche Freiheit. «Wenn der Mann zur Frau sagt, schau mal, ich muss mich drei Mal am Tag quälen, sonst halte ich die Beziehung nicht aus, das Berufsleben schon gar nicht. Dann geht er in einen Dialog. Dann kann die Frau fragen, ja was hälst du denn nicht aus? Dann startet ein Prozess. Aber vielfach kommen die Triathleten gar nicht an den Punkt, sondern sagen sich, ich muss das machen, ohne Sport kann ich mir das Leben nicht vorstellen. Sobald du dich mitteilst, kann der Partner darauf eingehen – und dann kann Freiheit entstehen. Viele Athleten haben auf dem Buckel eine grosse Last – und merken es gar nicht.»

DAS ZWIEGESPRÄCH

Roy Hinnen verrät ein wunderbares Rezept: «ich habe in der Beziehung mit meiner Partnerin ein Ritual, das heisst Zwiegespräch. … Man sitzt sich gegenüber, ich rede insgesamt dreimal 5 Minuten lang nur von sich.» Es gehe darum, zu erzählen, was man erlebt, getan oder gefühlt hat. Der Partner reagiert nicht direkt darauf, sondern erzählt danach ebenfalls jeweils dreimal 5 Minuten nur von sich. «Es ist spannend, zu hören, was der andere wirklich denkt. Wir machen das einmal in der Woche. Es muss dann absolut still sein.» Man rede auch nachher nicht über das Zwiegespräch, alles Gesagte bleibt in diesem Rahmen. Das Zwiegespräch rege zum Nachdenken an und führe zum gegenseitigen Verstehen. «Das ist wunderschön. Das ist Freiheit», so Roy Hinnen.

KEINE FREIHEIT OHNE GRENZEN

«Ich bin jetzt 55 Jahre alt. Ich habe nicht nur im Kopf, sondern auch in meinem Geist und meinem Herzen verstanden, dass das Leben endlich ist. Ich habe einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Wie schön, dass ich das weiss, wunderbar, das ist für mich Freiheit, das entlastet extrem», so Roy Hinnen.

Freiheit, betont Roy Hinnen, findet in einem selbst statt: «Ich muss nicht irgendwo hinfliegen. Ich kann mich auch am Strand nerven. Ich kann in Horgen im Nebel arbeiten und absolut frei sein. Immer dann, wenn ich mich voll reinhänge und ich alles für eine Person gebe, fühle ich mich frei. Sobald ich Gedanken entwickle, das wird ein harter Brocken, schafft er oder sie es jemals, dann bin ich schon nicht mehr frei. Deswegen habe ich mir auch die Grenze gesetzt, nicht mehr als 10 Stunden pro Woche im Schwimmkanal zu coachen, wenn ich voll präsent sein will.»

DER WAHRE WERT VOM LEBEN HÄNGT NICHT AN EINEM SIEG

Gibt es etwas Wichtigeres als Freiheit? Roy Hinnen, sagt ganz klar: Nein. «Wir sind frei geboren, wir sterben frei. Die Freiheit ist immer da. Sie ist eine bewusste Entscheidung.» Er hat erkannt, dass es eine grosse Kraft hat, «wenn ich in jedem Moment so bin wie ich wirklich bin. Die Menschen spüren, der ist echt. Das ist ein Erfolgsrezept, ohne dass ich es wusste, einfach sich selbst sein in jedem Moment.»

Früher als junger Athlet, «gab viele schöne und freie Momente», aber auch solche, die ihn irritierten. Er habe Rennen gewonnen und zwei Stunden später einen Wutanfall gehabt, «weil mich jemand beim Autofahren genervt hat.» Das sei für ihn schwierig zu verstehen gewesen. Es blieb die Erkenntnis, dass «der wahre Wert vom Leben nicht an einem Sieg hängt.» Ohne diese Schwankungen «hätte ich nicht mit der Meditation angefangen, ich wäre nicht in den Osten gereist», so Roy Hinnen.

ÖSTLICHE PHILOSOPHIE

Er hat in einem Antiquariat ein Buch von Kurt Schmidt, der sich mit Buddhas Lehre beschäftigt, aus dem Jahr 1946 gefunden. Kurt Schmidts Zeilen, die der östlichen und nicht der westlichen Philosophie entstammen, haben Roy Hinnen in den Bann gezogen, bedeuten für ihn die wahre Freiheit:

Das Böse hat ebenso seine Berechtigung wie das Gute; sonst wäre es nicht. Alle Fehler, die wir bisher begingen und weiterhin begehen mögen, sind notwendige Hinweise auf das Vollkommenere.

Es gilt nur nicht auf Verfehltes, Versäumtes, Unterlassenes, Verlorenes zurückzublicken, sondern vorwärtszusehen und zu gehen und über die Stufen des Irrtumes und Zweifels hindurch, aufzusteigen.

Ich segne meine Fehler; denn sie waren und sind meine unerkannten Helfer und Förderer. Gesegnet sei meine Not wie Glück; gesegnet sei alles, was mich wacher und stärker macht, reifer, fähiger und liebender.

Ich bin nicht das lachende oder leidende Ich, sondern das gelassene zuschauende Selbst und bejahe: Ich bin weder der Täter noch der Erleider, sondern der unbewegte Zuschauer; das göttliche selbst.

«Das Böse hat ebenso seine Berechtigung wie das Gute»,

wiederholt Roy Hinnen, «dieser Satz bedeutet unheimliche Freiheit. Er ist das Gegenteil der Dogmen, die Religionen aufstellen, die unfrei und Angst machen. Mit Angst kannst du Geld verdienen. Es ist ein wunderbarer Satz, der direkt in mein Herz geht. … Wir alle kennen ja das Böse oder das, was wir nicht wollen, hassen oder nicht überwinden können. Kurt Schmidt sagt, beides hat seine Berechtigung.

Alle Fehler, die wir bisher begingen und weiterhin begehen mögen, sind notwendige Hinweise auf das Vollkommenere.

Das ist etwas, was ich sehr gerne mache, Fehler. Das ist für mich Freiheit. Gehe deinen Weg, gehe nicht 100 Jahre in die Schule und mache alles ganz genau, sondern lebe dein Leben. Und jetzt kommt der Punkt:

Es gilt nur nicht auf Verfehltes, Versäumtes, Unterlassenes, Verlorenes zurückzublicken, sondern vorwärtszusehen und zu gehen und über die Stufen des Irrtumes und Zweifels hindurch, aufzusteigen.

Da sind wir gefordert, dass wir nicht ständig zurückschauen, sondern Veränderungen akzeptieren. … Irrtum und Zweifel sind zwei ganz grosse Wörter. Ohne Zweifel kann ich mir Freiheit nicht vorstellen. Ich habe viel gezweifelt in meinem Leben, stundenlang, tagelang. All diese Zweifel haben sich zu 99,9 Prozent niemals bewahrheitet. Es ist wichtig, dass ich das erfahren konnte. Wenn der Zweifel wiederkommt, dann sage ich, hallo Zweifel, ich kenne dich, du bist mein Freund und dann lass ich diese Gedanken wieder los.

«Wenn der Zweifel wiederkommt, dann sage ich, hallo Zweifel, ich kenne dich, du bist mein Freund und dann lass ich diese Gedanken wieder los.»

Roy Hinnen

Ich segne meine Fehler; denn sie waren und sind meine unerkannten Helfer und Förderer.

Wir möchten uns immer nur im Licht sehen, im Erfolg, im Schönsein. Doch das Potential liegt im Fehler. Deswegen dürfen meine Athleten Fehler machen.

Gesegnet sei meine Not wie Glück;

Die Not würde ich mit Trauma oder Panikattacken gleichsetzen. Wenn eine Panikattacke kommt, kannst du ein Gebet sprechen und sie segnen.

Gesegnet sei alles, was mich wacher und stärker macht, reifer, fähiger und liebender.

In der westlichen Welt besitzen wir gerne. Wir haben eine Persönlichkeit, der wir bestimmte Eigenschaften zuschreiben. Genau da beginnt das Problem, das sind Anhaftungen. Es ist unmöglich, dass du nur ein paar Facetten von dem bist, was du selbst oder andere sehen. Du bist ein ganzer Mensch, du bist ein Geistwesen, du bist ein Engel, du bist alles. Deswegen sagt er:

Ich bin nicht das lachende oder leidende ich, sondern das gelassene zuschauende Selbst und bejahe.

Wenn du Dinge zu persönlich nimmst, bist du nicht mehr frei. Das heisst nicht, dass du über allem stehen musst. Das heisst nur, dass du nicht anhaftest, dass du Erfahrungen machst und dann auch wieder loslässt. Du bist der Beobachter von dir selbst, du baust in dir einen Coach auf, ein höheres Selbst. Bestimmte Situationen führen dich ins Leid, in die Unfreiheit. Dann musst du dich fragen, wie oft willst du das noch machen? Lerne. Ich bin der Regisseur von meinem Leben, ohne dass ich in die Kirche gehen und beichten muss, ich kann mir selbst verzeihen.

Ich bin weder der Täter noch der Erleider, sondern der unbewegte Zuschauer; das göttliche selbst.

Vor allem in Liebesbeziehungen gibt es Täter-Erleider-Geschichten. Wenn du das Opfer bist, hast du die ganz grossen Rechte, du kannst auf Stunk machen, böse sein, Bestrafungstaktiken anwenden, blöd sein. Doch ich bin weder Täter noch Erleider, sondern Beobachter. Damit meint Schmidt die Meditation, wenn du in dich hineinfällst und einfach nur anwesend bist mit deinem Atem. Dann bist du nicht in der Bewegung, sondern es bewegt sich rund um dich.

Also wunderbar.»

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