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Triathlon Podcast


#9 Ursi Gassmann, multisportive Triathletin – Wenn Triathlon nicht genug ist

Ursi Gassmann: Nach dem Marathon ist vor dem Marathon. Foto: ZVG

«ICH MACHE AUCH AM TAG VOR DEM MARATHON NOCH 20 000 SCHRITTE»

Ursi Gassmann ist Triathletin. Aber nicht nur. Auf der Online-Plattform Strava überrascht sie stets mit neuen Sportarten an unterschiedlichsten Orten. Ihre Polysportivität offenbart: Drei Sportarten – Schwimmen, Radfahren und Laufen – sind ihr zu wenig.

Die Liste ihrer «Alternativsportarten» hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit, denn Kitesurfen beispielsweise würde sie auch noch reizen, aber «alles kann ich auch nicht machen …», sagt sie.

Ursi Gassmanns Sportarten:

• Schwimmen

• Radfahren

• Laufen inklusive Marathon

• Rudern

• Tennis

• Langlaufen

• Surfen

• Mountainbike

• Skitouren

• Body Pump

• Yoga

• Krafttraining

• Jiu-Jitsu

• Aerobic

• und sogar Poledance (!).

Als wäre diese Vielseitigkeit nicht genug, verfügt die 52-jährige Finanz-Controllerin aus Wetzikon ZH zudem über ein breites Leistungs-Spektrum. Sie absolviert sowohl Sprint-Triathlons und Ironman als auch Ultra-Distanzen wie die 100 Kilometer von Biel, den Swiss Alpine K 78, The Wayve – 111km laufend um den Zürichsee – oder den Trans Alp auf dem Rennvelo. Ursi Gassmann ist topfit, in fast allen Sportarten und auf allen Distanzen zuhause.

VENTIL ZUM DAMPF ABLASSEN

Sport, Bewegung und frische Luft «brauche ich», sagt Ursi Gassmann, «das ist auch ein Ventil zum Dampf ablassen.» Beim Training kommen ihr Ideen und Lösungen für Probleme zugeflogen, und noch einen praktischen Vorteil hat ihr Bewegungsdrang: «Ich esse gerne, wenn man regelmässig Sport macht, kann man mehr essen.»

Doch entscheidender ist für sie etwas anderes. «Für mich ist wichtig, viele Sachen erlebt zu haben. Wenn ich beispielsweise am 100 Kilometer Lauf in Biel gut angekommen bin, kann ich das so stehen lassen. Dann muss ich das nicht wiederholen und ein Jahr später das gleiche nochmals machen, um zwei Ränge besser zu sein. Ich habe es dann gesehen», sagt sie. Zudem sei nach Ultra-Distanzen die Erholungszeit sehr lang, «ich bin nicht diejenige, die Lust hat, solange zu pausieren. Ich bin nicht so geduldig.»

RADFAHREN IMMER MIT GEPÄCK

Lieber den Sport geniessen als sich quälen, ist ihre Philosophie. Ursi Gassmann sammelt schöne Momente, Medaillen sind weniger wichtig. Sie ist mit ihrem Partner Philippe, wann immer es geht, aktiv draussen unterwegs, in der Schweiz und im Ausland. Sie schwärmt Landschaften wie den Dolomiten mit den markanten Felsformationen oder vom Gardasee, wenn «man beim Surfen gleichzeitig die Natur geniessen kann.» So hat sie Radfahren zunächst nur als Touristin gekannt, «immer mit Gepäck», dafür aber gleich drei Monate mit dem Tandem durch die USA oder ins Elsass, nach Dänemark oder Schweden.

Schneesport ist einer ihrer grössten Leidenschaften, darum ist sie im Winter viel in den Bergen: «Ich profitiere von der Höhe, Langlaufen und Skitouren legen eine gute Basis für die Grundlagen-Ausdauer.» Da spiele es keine Rolle, dass sie in dieser Zeit kaum Velo fahre und wenig laufe. «Andererseits», sagt sie, «muss ich doch auch sportartspezifisch trainieren. Gerade beim Laufen ist die Umstellung immer wieder gross.»

HAWAII NICHT IM KOPF

Eine Spezialisierung nur auf Triathlon und eine Fokussierung auf bestimmte Ziele, wie beispielsweise eine WM-Qualifikation, kann sie sich nicht vorstellen, das ginge ihr «zu fest in eine Richtung, ich fokussiere mich nicht auf so etwas. Um sich für die Ironman-Weltmeisterschaften auf Hawaii zu qualifizieren, muss man auch Glück haben. So wie es heute organisiert ist, kann ja meist nur die Siegerin eines Ironman gehen. … Wenn es passen sollte», schiebt sie ein, «nehme ich das vielleicht doch mal in Angriff. Aber ich muss es mir nicht in Kopf setzen.»

«Hawaii muss ich mir nicht in Kopf setzen.»

Ursi Gassmann

Die Kompromisse, die sie für ein grosses Ziel eingehen müsste, wären zu gross. Ein Jahr lang hat sie innerhalb eines Frauen-Triathlon-Teams nach einem Plan trainiert – und Fortschritte gemacht. Doch der Plan hat sie begrenzt und festgelegt. Heute trainiert sie sich selbst.

NIE DAS MAXIMUM RAUSGEHOLT

«Ich mag keine Intervalltrainings, ich quäle mich nicht gern», sagt sie ehrlich, «drum habe ich auch nie das Maximum aus mir rausholen können.» Ein vorgegebener Trainingsplan passe auch nicht in ihr persönliches Leben, denn 2/3 aller Aktivitäten absolviert sie mit ihrem Partner Philippe, «und wenn dann 4 x 8 Minuten am Berg auf dem Programm stehen, ist die gemeinsame Ausfahrt nicht mehr so lustig.» Zudem leitet sie regelmässig Gruppen-Lauftrainings, «auch das passt nicht unbedingt in eine gezielte Ironman Vorbereitung.»

Und doch bereitet sie sich seriös auf ihre diversen Wettkämpfe vor. Wie im Winter das Langlauf-Rennen von Maloja nach Zernez, «denn was ich im Langlauf die ganze Saison mache, zielt darauf ab, dass ich die 55-km-Strecke am Tag X ohne Probleme absolvieren kann.»

NÄCHSTER START: BOSTON MARATHON

Das nächste Rennen ist der den Boston Marathon am 18. April 2022. «Ich gehe da mit einem gewissen Ehrgeiz ran», sagt sie. Ungefähr acht Wochen vorher gestaltet sie das Training spezifischer und strukturierter. Der Boston Marathon gehört zu den sechs World Majors Marathons. «Ich möchte unbedingt alle Majors finishen, jetzt fehlen nur noch Boston und Tokio. Das sind Events, die mich motivieren.»

Selbstverständlich möchte sie die Stadt erleben und auch kulturell und gastronomisch geniessen: «Ich mache auch am Tag vor dem Marathon meist noch über 20 000 Schritte, weil man das ein oder andere noch anschaut.» Natürlich habe sie auch eine Zeit im Kopf, «aber der ordne ich nicht alles unter.»

«ICH BRAUCHE DAS ALLES NICHT»

Und auch die Auswahl der Triathlons, an denen sie startet, hat sich verändert: Lieber gemütliche Veranstaltungen mit einer sympathischen Organisation, wie der Schaffhauser Triathlon oder der von Lauchringen (D) jenseits der Grenze, wo man auch mit einem Alltagsvelo mitmachen oder «einfach sein» kann und nach dem Wettkampf Kuchen isst oder ein Bier trinkt.

Seit sie 1997 ihren ersten Triathlon absolvierte, hat sich viel verändert in der Szene. Früher seien die Jedermänner – mit Badehose und Singlet – charakteristisch für die Rennen gewesen, eine «coole» Zeit, erinnert sie sich. Doch die Rennen seien allgemein professioneller geworden. Hochfelgen, Aerohelme und Zeitfahrräder für über 10 000 Franken seien heute normal, sagt Ursi Gassmann, kommt hinzu, dass viele einen Coach für über 200 Franken im Monat engagiert habe. «Ich brauche das alles nicht. Ich habe es ein bisschen gesehen. Ich habe im Triathlon die Sachen erreicht, die ich erreichen wollte.»

EHRGEIZIGER TENNIS-VATER

Alles fing mit Tennis an. Ihr Vater meldete sie mit 12 Jahren in einem Club an, und als ihr die mehrstündigen Trainings, insbesondere am Sonntag, als Teenager zu viel wurden, wollte sie aufhören. Ihr Vater habe das nicht begrüsst, «er meinte, dann werde ich dick.» Für eine internationale Karriere habe sie zwar zu spät mit dem Tennis angefangen, ihr Vater entwickelte dennoch grossen Ehrgeiz und zum Teil hitzige Leidenschaft für das Spiel seiner Tochter. «Bei Interclub- und Klubmeisterschaften haben sie ihn zwischendurch vom Platz entfernt, weil er immer sehr nervös war und rein gerufen hat», Ursi Gassmann lacht heute darüber.

Während ihrem Studium in den langen Sommerferien sah sie mit grossem Interesse Übertragungen im deutschen Fernsehen von diversen Triathlon-Events, auch über die olympische Distanz, sowie von der Tour de France, «das hat mich alles fasziniert.» Sie habe gestaunt wie die Athleten die verschiedenen Strecken bewältigten. Triathlon sei eine super Kombination von verschiedenen Sportarten und Belastungen, wo auch der Oberkörper involviert ist. Sinn mache aus ihrer Sicht auch der Aufbau des Wettkampfes, am Anfang Schwimmen, was am wenigsten belastend, dann Velofahren und dann Laufen, was am anstrengendsten sei.

LAUFEN MIT TENNISSCHUHEN

Von da an hatte die der Triathlon gepackt. Zunächst kam sie durch die Sola-Stafette intensiver mit dem Laufsport in Kontakt, zu Beginn war noch sie mit Tennisschuhen unterwegs gewesen, «da haben mir die Knie wehgetan», erinnert sie sich. Erst mit 30 Jahren habe sie als Mitglied in einem Triathlon-Club und betreut von einem Mentor, Schwimmen gelernt und zugleich die ersten Triathlons in Angriff genommen, später bis hin zum Ironman.

Einen Vorteil hat ihre Polysportivität ganz sicher: Sie ist kaum verletzt. «Wer sich vielseitig bewegt, hat weniger Verschleiss», sagt Ursi Gassmann. Früher «zu meinen besten Zeiten», habe sie 3000 Laufkilometer jährlich locker weggesteckt, «jetzt mache ich nur noch die Hälfte. Man spürt, was einem gut tut und was nicht. Sechs Mal Laufen in der Woche führt früher oder später zur Überlastung.»

GLÜCKLICH UND ZUFRIEDEN

Laufen ist ihre Basis, der unkomplizierteste Sport aus ihrer Sicht. Laufen wird sie immer – und wenn es im Alter Einschränkungen geben sollte, «kann ja auch nur 30 oder 40 Minuten joggen gehen. Solange das möglich ist, und ich keine Beschwerden habe, werde ich das sicher machen.» Das sei auch das Ziel der Vielseitigkeit: «Wenn ich mit meiner Kollegin Tennis spiele, sind nebendran immer Senioren, die vergnügt Doppel spielen. Die sind glücklich und zufrieden.»

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